DETROIT UND DIE “AMERICAN RUHR”
Seit der Gitarrist und Sänger John Lee Hooker in den 1940er Jahren in den Clubs von Detroit den Electric Blues erfand, spielt diese Stadt im industriellen Ballungsraum der Great Lakes – der so genannten American Ruhr – eine wichtige Rolle in der Geschichte der Popmusik. Ähnlich wie in den Werkshallen von General Motors, in denen weltweit Maßstäbe setzende industrielle Produktionsmethoden eingeführt wurden, ereignen sich auch in den Musikstudios und Clubs der siebtgrößten Stadt der USA Revolutionen. Der aus dem Süden der USA kommende John Lee Hooker irritierte und faszinierte in den 40er und 50er Jahren sein Publikum mit dem neuartigen Sound einer elektrifizierten, absichtlich verstimmten und völlig übersteuerten Gitarre und revolutionierte damit den Blues. Der ehemalige Ford-Arbeiter Berry Gordy produzierte in den 60er Jahren in den Detroiter Motown-Studios einen Hit nach dem nächsten und schuf völlig neue und moderne Produktionsformen für populäre Musik.
Als Motown Anfang der 70er Jahre nach Los Angeles zieht und Detroit seinen Ruf als Hits-Ville USA langsam verliert, beginnt auch bei General Motors eine neue Zeitrechnung. Im Gefolge der Ölkrise von 1973 sowie aufgrund der Aktivität ausländischer Wettbewerber schrieb der Konzern immense Verluste und begann, alte Werke zugunsten neuerer Anlagen, die oft in Billiglohnländern errichtet wurden, zu schließen. Allein zwischen 1970 und 1980 verlor Detroit 208.000 Arbeitsplätze. Bis heute haben mehr als die Hälfte der Einwohner die Stadt verlassen, häufig zu Gunsten der umliegenden Counties. Heruntergekommene Stadtviertel und Fabrikruinen prägen seitdem die Stadt. Zu einem Sinnbild dieser Entwicklung wird das prächtige, stuckverzierte Michigan Theatre, das 1977 geschlossen und zu einem Parkhaus umgebaut wird. Doch inmitten dieses postindustriellen Szenarios schlägt die Geburtsstunde eines neuen Sounds, der nicht nur die Detroiter Industrieruinen zum Klingen bringen sollte.
Während Diana Ross 1978 den letzten großen kommerziellen Erfolg für Motown feiert, beginnt ein sechzehnjähriger Schüler der Detroiter Belleville-Highschool sich für Klang erzeugende Maschinen, Drumcomputer und Synthesizer zu interessieren. Drei Jahre später gründet Juan Atkins die Band Cybotron. Deren erste Single Alleys of your mind läuft bereits im Gründungsjahr der Band im Detroiter Lokalradio. Getestet wird der neue Sound außer im Radio auch auf illegalen Partys in alten Fabrikgebäuden. Juan Atkins: „Berry Gordy built the Motown-Sound on the same principles as the conveyor belt at the Ford Plant. Today the Automobile Plants use robots and computers to make their cars and I am more interested in Ford’s robots than in Gordy’s music”.
Am Ende der 80er Jahre formen Detroiter Musiker aus dem P-Funk eines George Clinton und aus den Klängen der Düsseldorfer Elektronikpioniere Kraftwerk eine neue Musik, die von der englische Musikpresse schnell Techno getauft wird. Juan Atkins gilt bis heute als Erfinder dieser Musik, die in ihren Ursprüngen nichts mit dem zu tun hat, was gegenwärtig aus Autoradios dröhnt. Der Duden fasst Techno zwar als „elektronische, von besonders schnellem Rhythmus bestimmte Tanzmusik“. Diese Definition ist jedoch so allgemein wie unzutreffend, weil sie nur einen Aspekt von Techno ins Spiel bringt.
Techno ist zuallererst eine durch ihre Herkunft aus der Industriemetropole Detroit geprägte Musik. Wie der dort entstandene ‘Electric Blues’ eines John Lee Hooker das erweiterte Klangspektrum einer elektrisch verstärkten Gitarre genutzt hat, haben Techno-Pioniere wie Juan Atkins oder Derrick May sich für die vielfältigen Möglichkeiten der synthetischen Klangerzeugung interessiert. Techno ist daher eine Musik, die nicht mehr für Instrumente, sondern für Maschinen komponiert bzw. programmiert wird. Parallel zur sogenannten ‘Dritten Industriellen Revolution’ markiert Techno eine neue Ära musikalischer Produktivität und Kreativität. Techno ist die Musik der postindustriellen Ära. Techno-Musiker waren es, die neue Verfahren wie Sampling, Sequencing und Hard-Disk-Recording so nutzten, dass komplexe Meisterwerke der elektronischen Musik entstanden, die bis heute den Klang der Popmusik entscheidend prägen.
In musikalischer Hinsicht liegen Welten zwischen John Lee Hooker und Juan Atkins. Der Ort, an dem sich beide auf die Suche nach einem neuen Klang gemacht haben, war jedoch derselbe: die Stadt Detroit im Industriegürtel am Lake Erie. Die Populärkultur hat am Ende der 80er Jahre an die Stelle einer brachliegenden Industrielandschaft eine Klanglandschaft gesetzt. „Detroit“ ist seitdem der Inbegriff für die Wurzeln des Techno. Technomusik beerbt eine lokaltypische Industrie und lässt sich durch sie zu wegweisenden ‘Tracks’ inspirieren. Prägende Vertreter der elektronischen Musik aus Detroit wie Jeff Mills, Carl Craig, Derrick May oder Kevin Saunderson werden inzwischen in eine Reihe mit Größen der amerikanischen Jazz-, Blues- und Soulmusik gestellt. In der Süddeutschen Zeitung war kürzlich zu lesen, im Ruhrgebiet sei die „Kultur zum Nachmieter der Schwerindustrie“ geworden. Dass es Gemeinsamkeiten sozialer und politischer Art zwischen der American Ruhr an den Great Lakes und der Region Ruhr gibt, liegt auf der Hand. Dass diese Gemeinsamkeiten eine musikalische Kommentierung herausfordern, blieb bisher noch wenig beachtet.
Tobias Koth (DJ Homewreckers Crew)
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- November 6, 2007 | 16:32
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